Bekehrung über Ausgrenzung

Auszug aus der Dissertation von Marion Romberg „Die Welt im Dienst der Konfessionen. Erdteilallegorien in Dorfkirchen auf dem Gebiet des Fürstbistums Augsburg im 18. Jahrhundert“ (379f.):

Das Strahlen Christi (II): Der Abendmahlsstreit

Zu den zentralen konfessionellen Streitfragen gehörte die Lehre von der Wesenswandlung Christi im Kontext der Eucharistie. […] Die Betonung der Bedeutung der Eucharistie, des Bußsakraments und des Messopfers durch die Tridentinischen Dekrete von 1551 und 1562 führte im Zuge der nachtridentinischen Reform der Liturgie zu einer Anpassung des Kirchenraums. Auch das Deckenprogramm des Chores stand im Dienst der optischen Zentrierung des Kirchenraums auf den Hochaltar mit Tabernakel. Die Verbildlichung der Verehrung der Eucharistie fand im sakralen Zentrum der Kirche ihren Ort: im Chor. Dort befinden sich auch im vorliegenden Quellenkorpus mit einer Ausnahme alle Darstellungen der Kombination der Erdteilallegorien mit der Eucharistie.

[…] Die spezifisch süddeutsche Form – die katholischen Erdteile versus die herausfallenden Protestanten – findet sich in den Programmen in Fischach (1753), Kirchdorf (1754), Herbertshofen (1754) und (Bad) Wörishofen (1780). Sie sind ein Manifest des Abendmahlstreites. Diese spezielle Kombination ist Franz Martin Kuen zuzuschreiben. Dieser hat dem süddeutschen historischen Kontext entsprechend [in seinem Fischacher Werk] die Dämonen in Costanzis römischem Fresko durch die Protestanten ersetzt. Diese sind aufgrund ihrer schlichten Kleidung, die im Gegensatz zur barocken Pracht des katholischen Barock steht, eindeutig als solche zu erkennen. Während sich Kuen in seinem weiteren Schaffen nicht mehr auf seine eigene Komposition besann, wendete sein Schüler Johann Baptist Enderle diese kein Jahr später in der Kirche zu Kirchdorf und dann wiederum in Herbertshofen an. Nachfolger finden sich bis auf eine einzelne Ausnahme keine: 1780 malte Johann Jacob Fröschle im Chor der Kirche St. Justina in (Bad) Wörishofen die Anbetung des Allerheiligsten Altarsakramentes in Kombination mit den Erdteilen sowie den herabstürzenden Protestanten. Als Vorlage für die Erdteilgruppe verwendete der Maler einen Kupferstich von Gottfried Bernhard Göz, während er die Idee mit den von Blitzen vertriebenen Protestanten wohl von Franz Martin Kuen übernahm. Fröschle studierte von 1756 bis 1760 bei Stephan Haberes in Weißenhorn und danach vermutlich in Augsburg, wo er Werke führender Kollegen wie Günther, Bergmüller oder Göz direkt in Augenschein nehmen konnte.[1]

[Es] handelt es sich hierbei um einen besonderen Missionstypus, dessen Grenze zum Huldigungstypus fließend ist. Der Missionsaspekt erklärt sich nicht über die Haltung einer der Erdteilallegorien, wie dies bislang der Fall war, sondern über die Visualisierung der konfessionellen Inklusion und Exklusion. Die Erdteile, im Glauben vereint, erleben kniend um eine Weltkugel und im warmen Schein der eucharistischen Sonne die divinatorische Erscheinung. Die Protestanten dagegen werden durch einen Blitz in die Flucht getrieben, dessen Ursprung ebenfalls das Allerheiligste Altarsakrament ist. Ihre Ablehnung der Transsubstantiationslehre schließt sie aus der katholischen Weltgemeinschaft aus. Sowohl auf der Seite der Katholiken als auch auf der der Protestanten macht besonders die Abendmahlsfeier „die konfessionelle Identität der Gemeinde sichtbar“.[2] Während bei den Protestanten der Chorraum als gemeinschaftlicher Bekenntnisraum diente,[3] blieb das Mysterium der Wesenswandlung in der katholischen Kirchen der Geistlichkeit und dem Adel vorbehalten, da nur ihnen der Zugang zum Chor gestattet war. Wie in einem Schauspiel verfolgten die Gläubigen die Handlungen des Geistlichen auf dessen Chorbühne. Im Falle der Darstellung der Erdteile im Chorfresko können diese sowohl als Handlungsanleitung zur Huldigung als auch – und dies besonders im Kontext des Missionstypus – als Machtdemonstration der einigen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche verstanden werden.

[1]       Vgl. Konrad Fröschle 1970, 72–76; Langenbach Fröschle 1993; AKL Fröschle, Jakob 45/2005, 381.

[2]       Slenczka Wirkung 2010.

[3]       Parallel zur Umgestaltung katholischer Kirchenräume mit ihrer räumlichen Zweiteilung und Zentralisierung auf den Hochaltar wurden auch die Räume protestantischer Kirchen umgestaltet. Im 16. Jahrhundert bildete sich „ein grundsätzlich neuartiger Kirchentyp, [der] der Konfessionskirche“ (Slenczka Wirkung 2010), heraus. Die Protestanten richteten ihre Kirchenräume auf einen zentralen Bekenntnisraum aus und passten die Kirchen, die ihnen übergeben worden waren, der veränderten Liturgie an. Die evangelischen Kirchen in Rechenberg und Dinkelsbühl veranschaulichen die Bandbreite dieser baulichen Veränderungen: In der Dinkelsbühler Heilig-Geist-Kirche aus dem 14. Jahrhundert wurde analog zur Marktkirche in Halle, die 1529 unter Kardinal Albrecht von Brandenburg  begonnen und 1554 nach einer konfessionsspezifischen Neuplanung unter dem lutherischen Rat fertiggestellt worden war, der Hochaltar entfernt und stattdessen ein Abendmahltisch aufgestellt. In der evangelischen Kirche zu Rechenberg – der Ort war 1555 zur Reformation übergetreten – ließ der neue Besitzer, die Familie von Berlichingen, Anfang des 17. Jahrhunderts eine neue Kirche erbauen. Auf einen Chor wurde hierbei verzichtet und stattdessen ein Turm gebaut. Im Zuge der Neuausstattung um 1781 fand im Chorraum ein Kanzelaltar Aufstellung, wie er sich zwar bereits 1585–1590 in der Schlosskapelle von Schmalkalden (Thüringen) findet, der sich aber erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zuge der symmetrischen Anordnung des protestantischen Kirchenraums durchsetzten sollte. Vgl. Mai Kanzelaltar 1969; Meissner Bayern 1987. Hinzu kamen in allen Kirchen die Bestuhlung des Hauptschiffes und der Einbau von Emporen, die sich nicht auf Orgelemporen beschränkten, sondern sich an den Seitenwänden des gesamten Kirchenschiffes entlangzogen. Der gesamte Kirchenraum war zur Kanzel und dem Abendmahlsaltar ausgerichtet. Für diese Zentralisierung auf Predigt und Abendmahl, die im Abendmahlstreit zwischen alter und neuer Lehre gründete, hat sich in der Forschung der Begriff „Abendmahlskirchen“ eingebürgert. Vgl. Slenczka Wirkung 2010. 

Komplettes Verzeichnis der in der Dissertation verwendeten Literatur findet sich in der Datenbank unter Bibliografie > Dissertation.

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Titel Art Zeitliche Einordnung
Dillingen an der Donau (Dillingen a. D.), Mariä Himmelfahrt [Fresken] Erdteilallegorien 1751-1751
Fischach (Augsburg), St. Michael Erdteilallegorien 1753-1753
Friedberg (Aichach-Friedberg), Herrgottsruh Erdteilallegorien 1738-1738
Großholzhausen (Rosenheim), St. Georg Erdteilallegorien 1793-1793
Herbertshofen (Augsburg), St. Clemens Erdteilallegorien 1754-1754
Kirchdorf (Unterallgäu), St. Stephan Erdteilallegorien 1753-1753 bis 1754-1754
Wörishofen (Unterallgäu), St. Justina Erdteilallegorien 1780-1780

Forschungsplattform Erdteilallegorien im Barockzeitalter / Research database Continent Allegories in the Baroque Age

Nirgendwo hat der Barock eine solche Dichte an Allegorien der vier Erdteile – Europa, Asien, Afrika und Amerika – hervorgebracht wie im Süden des Heiligen Römischen Reiches. In ihnen manifestieren sich die Vorstellungen des Barock von der Gestalt der Welt, ihrer politischen, sozialen und spirituellen Ordnung, vom Fremden wie vom Bekannten. Diese einzigartige Sammlung dokumentiert Darstellungen der vier Erdteile in Fresken, Stuck, Gemälden oder Skulpturen in ihren ursprünglichen Ausstattungskontexten. Baugeschichten sind ebenso erfasst wie Künstler, Auftraggeber und Werkverzeichnisse.

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Allegories of the four continents – Europe, Asia, Africa, and America – were an extremely popular iconographic motive during the baroque era. It was most prevalent in the Southern Parts of the Holy Roman Empire. These allegories express/manifest/carry the imagination/conception/vision of the baroque of the shape of the world, its political, social, and spiritual order as well as of foreign and familiar things. This unique collection documents depictions of four continents in frescoes, stucco, paintings or sculptures in their place of origin. The historical contextualization contains the building history as well as artists, principals, and catalogues raisonnés.

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