Die Typen der fürbittenden Maria (Überblicksartikel)

Auszug aus der Dissertation von Marion Romberg „Die Welt im Dienst der Konfessionen. Erdteilallegorien in Dorfkirchen auf dem Gebiet des Fürstbistums Augsburg im 18. Jahrhundert“ (443–445):

Die Erdteilallegorien innerhalb der Ikonografie der Dorfkirchen verbinden sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der traditionellen und wiederentdeckten Bilderwelt der mittelalterlichen Mariologie, so der gnadenreichen, schützenden oder schmerzenden Muttergottes. Die Marienverehrung erlebte im Barock eine neue Blüte; im Zuge der Volksfrömmigkeit des 17. Jahrhunderts besann man sich auf das „vom Spätmittelalter aufgegriffene authentische Marienbildnis“[1]. Gerade in krisengeschüttelten Zeiten wie dem Dreißigjährigen Krieg, im Angesicht der Türkengefahr oder auch während des Spanischen Erbfolgekrieges riefen die Gläubigen nach einer Fürbitterin, die ihr Leid nachvollziehen konnte, die sie unter ihren Schutz und Schirm stellte und die für sie bei dem Allmächtigen sprach. Die Zeit der Kriege, Seuchen und des Hungers dauerte bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts an. Mit der zeitlichen Entfernung und im Zuge der weiteren Intensivierung der praxis pietatis veränderte sich auch das Marienbild, und dies unter wesentlichem Einfluss des Jesuitenordens. Der grundlegende Wandel des Selbstverständnisses der Gemeinschaft der Gläubigen drückte sich im Wandel von einem fast schon verzweifelten Grundton zu einem offensiven, triumphierenden Anspruch aus, dessen Protagonistin Maria in Gestalt der Herrscherin, der Regina Coeli und Immaculata war. Diese Entwicklung ist nicht nur im Einzelbild der Himmelskönigin und der Unbefleckten […] abzulesen. Schon im Bild der Gnadenreichen manifestiert sich dies, indem auch in diesen Bildern, unabhängig vom übergeordneten Thema, Maria ab etwa 1740 mit den Attributen der Immaculata (Stern, Sterne) ausgestattet wurde. […]

Nicht mehr die Demutsvolle, sondern die triumphierende Madonna bietet nun Schutz, Beistand und Gnade. Einhergehend mit der Blüte der Erdteilallegorien-Kombinationen um die Jahrhundertmitte reichen – wie dies anschaulich in Deubach zu sehen ist – Putti der Gottesmutter einen Sternenkranz und eine Mondsichel. Dieser Wandel ebenso wie die Intensivierung von Prozessionen, Wallfahrten, Heiligen- und Marienverehrung, die Jubiläumsfeiern, die enorme Bautätigkeit auf dem Land sind ebenso wie im „hochkulturellen“ Bereich Ausdruck eines Triumphgefühls innerhalb der barocken Frömmigkeit. Dieses nährte sich aus dem Bewusstsein, eine krisenhafte Zeit überstanden und auf ganzer Linie – sowohl gegen die „neuen“ (Reformation) als auch gegen die „alten“ Türken (Osmanen) – gesiegt zu haben und nunmehr in einem neuen, triumphalen Jahrhundert zu leben. [2] Von der Spitze der Gesellschaft nach unten wirkend, setzten zuerst Adel und Klerus mit ihren Palais und Klosterbauten Marksteine dieses Triumphgefühls, dann strahlte es zeitversetzt auf das Land aus. Die Wand- und Deckenmalerei – wie der lange Nachhall der Blüte der Erdteilallegorien bis in die 1790er-Jahre zeigt – erlebte in der Provinz noch „eine letzte außergewöhnliche Blüte“; parallel hierzu setzten sich in den städtischen Zentren, vor allem im Bürgertum, die neuen klassizistischen Ideale durch.[3] Die vier Erdteilallegorien als eine Formel für die Darstellung der ganzen Menschheit in einem religiösen Kontext werden zum Sinnbild der Ecclesia triumphans.

Die Triumphbotschaft ist aber in den folgenden Erdteilallegorien-Kombinationen nicht die vordergründige, sondern die hintergründige Botschaft (sensus spiritualis). Für die eigenen Ängste und Hoffnungen bedarf es immer noch der fürbittenden Intervention der Muttergottes. Mit folgenden Rollenbildern der Maria wurden die Erdteile als „Vertreter“ des Gläubigen einmal oder häufiger kombiniert: 

[1]       Sperber 800 Jahre 1980, 17.

[2]       Vgl. hierzu die Interpretation des Ausstattungsprogramms der Klosterkirche St. Thomas von Vorau bei Romberg In hoc signo vinces 2010, 75–102.

[3]       DaCosta Kaufmann Höfe 1998, 471. Vgl. Tapié Le Baroque 1961, 34–54; Hersche Basis 1995, 164.

Komplettes Verzeichnis der in der Dissertation verwendeten Literatur findet sich in der Datenbank unter Bibliografie > Dissertation.

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Titel Art Zeitliche Einordnung
Aibling (Rosenheim), Mariä Himmelfahrt Erdteilallegorien 1756-1756
Ailingen (Bodenseekreis), St. Johannes Baptist, Rosenkranzkapelle Erdteilallegorien 1789-1789
Bayrischzell (Miesbach), Zu den sieben Schmerzen Mariens Erdteilallegorien 1785-1785
Bernbeuren (Weilheim-Schongau), Mariä Heimsuchung Erdteilallegorien 1736-1736
Haupeltshofen (Günzburg), Mariä Himmelfahrt Erdteilallegorien 1767-1767
Hurlach (Landsberg am Lech), St. Laurentius Erdteilallegorien 1763-1763
Jungholz (PB Reutte), Mariae Namen Erdteilallegorien 1781-1781
Kirchhaslach (Unterallgäu), Unserer Lieben Frau [Fresken] Erdteilallegorien 1707-1707 bis 1710-1710
Kranzegg (Oberallgäu), Mariä Opferung Erdteilallegorien 1770-1770
Liggersdorf (Konstanz), SS. Cosmas und Damian Erdteilallegorien 1788-1788
Nesselwang (Ostallgäu), Maria Trost Erdteilallegorien 1757-1757 bis 1758-1758
Oberigling (Landsberg am Lech), SS. Peter und Paul Erdteilallegorien 1735-1735
Oberostendorf (Ostallgäu), Mariä Himmelfahrt Erdteilallegorien 1747-1747
Otting (Donau-Ries), St. Richard Erdteilallegorien 1739-1739
Sinning (Neuburg-Schrobenhausen), St. Nikolaus [Seitenaltar] Erdteilallegorien 1800-1800
Tapfheim (Donau-Ries), St. Peter Erdteilallegorien 1750-1750
Wemding (Donau-Ries), Maria Brünnlein Erdteilallegorien 1754-1754