Zur Doppelbelegung Europas

Auszug aus der Dissertation von Marion Romberg „Die Welt im Dienst der Konfessionen. Erdteilallegorien in Dorfkirchen auf dem Gebiet des Fürstbistums Augsburg im 18. Jahrhundert“ (372f. Exkurs 3.1.1.):

In  Gesprächen mit Kirchenpfleger, Mesner und Ortshistorikern wurde im Zuge der Ortsbegehungen in der Europa-Personifikation gerne ein Bezug zu Maria Theresia gesehen – eine Interpretation, die man auch zum Teil in entsprechenden Kirchenführer findet.[1] Allerdings kann die überschnelle Annahme einer Analogie zwischen Entstehungszeitpunkt und Regierungszeit Maria Theresias ohne faktischen historischen Bezug des Anbringungsortes, des Auftraggebers, des Künstlers oder auch der „Kaiserin“ selbst fehlleiten. Fälle wie in der Wallfahrtskirche Buggenhofen, wo zu Europas Füßen nicht nur die Kaiserkrone liegt, sondern die Personifikation auch den habsburgischen Doppeladler auf dem Brustpanzer und die Rudolfskrone auf dem Kopf trägt, lassen eine Identifikation sehr plausibel erscheinen. Zwar entspricht Europa im Typus den anderen Darstellungen dieser Personifikation in Johann Baptist Enderles Werken, aber die zusätzliche Attributierung, die in den anderen Fällen fehlt, unterstützt einen solchen Bezug. Physiognomische Ähnlichkeiten lassen sich auch am ehesten in einem Bildnis Maria Theresias von Jean-Étienne Liotard oder einem Stich von Sébastien Pinssio nach einem Gemälde von Martin van Meytens finden.[2]  Der Patronatsherr Kraft Ernst Judas zu Oettingen-Wallerstein wurde fünf Jahre nach Vollendung der Ausmalung in den Reichsfürstenstand erhoben.

Ein weiteres überzeugendes Beispiel liegt meines Erachtens auch in der Europa des kaiserlichen Hofmalers Gottfried Bernhard Göz in der Wallfahrtskirche Birnau vor. Hier finden sich Europa und ihre Geschwister in der Pendentifzone der Vierungskuppel. Der Auftraggeber Abt Anselm II. Schwab war Prälat eines reichsunmittelbaren, konsistorialen, königlich exemten Klosters, das im Kollegium der schwäbischen Prälaten und im Schwäbischen Kreis eine eigene und mächtige Stimme besaß. Nicht nur beruflich, sondern auch privat pflegte Abt Anselm II. enge Beziehungen nach Wien. 1746 ins Amt berufen, setzte er sofort die unter seinem Vorgänger begonnenen Planungen zur Verlegung der Birnauer Wallfahrt fort. 1746 wurde mit dem Neubau begonnen, die Kirche 1748 ausgemalt und im Herbst 1751 feierlich im Rahmen einer sechstägigen Feier eingeweiht. Im Frühjahr 1748, dem Jahr der Ausmalung also, wurde Abt Anselm II. zum „Wirklichen Geheimen Rat“ der österreichischen Erblande (von Erzherzogin Maria Theresia) und des Heiligen Römischen Reiches (von Kaiser Franz I. Stephan) ernannt. 1764 erhielt er eine Einladung zur Wahl und Krönung Josephs II. zum römisch-deutschen König nach Frankfurt.[3] Analoge Bezüge lassen sich auch zur Europa-Allegorie im Kuppelfresko der Klosterkirche der Reichsabtei Ottobeuren ziehen.

Ein weiteres eindeutiges Beispiel liegt in der Europa-Allegorie im Gartenpalais Melk vor. Der Künstler Johann Wenzel Baptist Bergl bezog sich hierbei auf den Europa-Mythos und die damit einhergehenden Konnotationen von Auserwähltheit, Glück und Fruchtbarkeit,[4] indem er Europa auf dem Stier Platz nehmen ließ. Hier können die Bezüge zur Herrscherin nicht nur über den Auftraggeber, die Benediktiner von Melk, über die Funktion Melks als Reisestation fürstlicher Gäste auf ihrem Weg nach Süddeutschland, über den Künstler Bergl, der nachweislich auch für die Erzherzogin persönlich tätig gewesen war,  oder über die überdeutliche Anlehnung an entsprechende Herrscherporträts wie das von Maria Theresia als Königin von Ungarn von Martin van Meytens (1759, Akademie der bildenden Künste Wien) gezogen werden, sondern auch über einen Topos zu Maria Theresia. Dieser war ein Jahr vor Beginn der Ausstattung des Pavillons in einer Rede von Joseph von Sonnenfels  anlässlich von Maria Theresias Geburtstag formuliert worden. Hierin bezeichnet Sonnenfels die Erzherzogin als „Mutter der Völker“ und lobpreist sie als „unsere allgemeine Wohltäterin, unsere Retterin, unsere Erhalterin, als Fürstin, die sich verpflichtet fühlt, Wissenschaften und Künste zu schützen, und zu beschirmen“.[5]

Wenn weder ikonografische noch historische Bezüge vorliegen, ist meines Erachtens eine Identifikation problematisch. Letztlich handelt es sich bei der Europa-Personifikation um einen seriellen Figurentypus, der zum standardmäßigen Baukasteninhalt der Erdteilikonografie gehört; siehe zum Beispiel die Europa-Allegorie in der Frauenkirche in Günzburg, die der Johann Baptist Zimmermanns in Steinhausen gleicht. Aufgrund des Auftraggebers, des Günzburger Rates, sowie der Tatsache, dass Günzburg Sitz der habsburgischen Herrschaft in Burgau war, wurde die Darstellung von Tapie zu Recht als Huldigung an Maria Theresia interpretiert, obwohl diese zum Entstehungszeitpunkt des Freskos noch nicht im Amt war.[6]

Dass nicht nur die Europa-Allegorie die Züge der „Kaiserin“ tragen konnte, zeigt Klaus Wankmiller in dem Aufsatz Maria Theresia in Heiterwang: der Allgäuer Josef Anton Walch (1712–1773) malte die Kaiserin als Maria.[7] Auch anderenorts finden sich Darstellungen von Herrschenden in der Gestalt Europas: In der Kirche St. Erasmus in Sankt Erasmus könnte die männliche Personifikation Europas im Gewand eines Höflings den Hofmarksherrn Maximilian Emanuel Graf von Törring-Gronsfeld zu Jettenbach darstellen; im Chorfresko in Gars am Inn vermuten die Autoren des Corpus der barocken Deckenmalerei in dem Fürsten mit weiß gepuderten Haar, der die Rolle Europas einnimmt, ein Porträt des Kurfürsten Maximilian III. Joseph.[8]

[1]            Wie beispielsweise KF Wemding o. J., 10 [; für Altdorf Wittmann [1984], 8]. Momentan beschäftigt sich das FWF-Projekt Herrscherrepräsentation und Geschichtskultur unter Maria Theresia (1740–1780) unter Leitung von Werner Telesko an der ÖWA (Wien) u.a. mit Identifikation Europas mit Maria Theresia.

[2]            http://www.portraitindex.de/documents/obj/oai:baa.onb.at:4831452; für die Hinweise danke ich dem Meytens-Experten Georg Lechner, Wien, Belvedere.

[3]            Vgl. Dengel Garamgi 1905, 87–178; Klein Birnau 1923, 50; Dillmann Glanz 1987.

[4]            Vgl. Schmale Geschichte Europas 2001, 26.

[5]            Sonnenfels Schriften 1786, 7, 19, 53, 60–64. Vgl. Vocelka Glanz 2001, 30; Romberg Welt in Österreich 2008.

[6]            Vgl. Tapié Kaiserin 1980, 202

[7]             Vgl. Wankmiller Heiterwang 2012, 16–19.

[8]            Vgl. CdbM 8/2002, 112.

Komplettes Verzeichnis der in der Dissertation verwendeten Literatur findet sich in der Datenbank unter Bibliografie > Dissertation.

1 - 8 von 8
Titel Art Zeitliche Einordnung
Altdorf (Ostallgäu), Mariä Himmelfahrt Erdteilallegorien 1748-1748
Birnau (Bodenseekreis), Mariä Himmelfahrt Erdteilallegorien 1748-1748
Buggenhofen (Dillingen a. D.), Mariä Himmelfahrt Erdteilallegorien 1769-1769
Melk (PB Melk), Kloster, Gartenpavillon Erdteilallegorien 1763-1763 bis 1764-1764
Rottweil (Rottweil), SS. Peter und Paul (Fresken) Erdteilallegorien 1755-1755
Sankt Erasmus (Mühldorf am Inn), Sankt Erasmus Erdteilallegorien 1770-1770 bis 1772-1772
Scheer (Sigmaringen), St. Nikolaus [Chorfresken] Erdteilallegorien 1748-1748
Vorau (PB Hartberg), St. Thomas Erdteilallegorien 1700-1700 bis 1705-1705

Forschungsplattform Erdteilallegorien im Barockzeitalter / Research database Continent Allegories in the Baroque Age

Nirgendwo hat der Barock eine solche Dichte an Allegorien der vier Erdteile – Europa, Asien, Afrika und Amerika – hervorgebracht wie im Süden des Heiligen Römischen Reiches. In ihnen manifestieren sich die Vorstellungen des Barock von der Gestalt der Welt, ihrer politischen, sozialen und spirituellen Ordnung, vom Fremden wie vom Bekannten. Diese einzigartige Sammlung dokumentiert Darstellungen der vier Erdteile in Fresken, Stuck, Gemälden oder Skulpturen in ihren ursprünglichen Ausstattungskontexten. Baugeschichten sind ebenso erfasst wie Künstler und Auftraggeber.

Neuigkeiten zum Projekt, zur Datenbank finden Sie auch auf dem Projektblog: http://erdteilallegorien.univie.ac.at/blog/category/neuigkeiten/

Publikationen zum Projekt:

Allegories of the four continents – Europe, Asia, Africa, and America – were an extremely popular iconographic motive during the baroque era. It was most prevalent in the Southern Parts of the Holy Roman Empire. These allegories express/manifest/carry the imagination/conception/vision of the baroque of the shape of the world, its political, social, and spiritual order as well as of foreign and familiar things. This unique collection documents depictions of four continents in frescoes, stucco, paintings or sculptures in their place of origin. The historical contextualization contains the building history as well as artists and principals.

Further information as well as news are provided on the project weblog: http://erdteilallegorien.univie.ac.at/blog/category/neuigkeiten/

New publications:

Nutzungsbedingungen anzeigen
 

GRUNDLEGENDES

Die Datenbank „Erdteilallegorien im Barockzeitalter im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (Süddeutschland, deutschsprachige österreichische Erblande)“ entstand im Rahmen des Projekts „Diskurs- und kunstgeschichtliche Untersuchung von Erdteilallegorien“ [FWF P23980] an der Universität Wien, Historisch-kulturwissenschaftliche Fakultät, Institut für Geschichte. Die Nutzung der Datenbank unterliegt den im Folgenden genannten Bedingungen. Der Zugang zur Datenbank wird gewährt, sobald Sie die Nutzungsbedingungen akzeptiert haben.

Die Nutzungserlaubnis der Datenbank beinhaltet über das Lesen von Texten und Anschauen von Bildern hinaus die Möglichkeit, in der Datenbank für eigene Forschungsvorhaben zu recherchieren und eigene Statistiken auf der Basis der Daten unter Angabe der Quelle zu erstellen. Sämtliche Inhalte der Datenbank wie Texte, Karten und Bilder/Fotografien unterliegen den nachfolgend genannten Bedingungen. Kein Inhalt darf verändert werden.

 

BILDRECHTE

Für die Inhalte der Bilddatenbank (Texte, Karten, Bilder, Narrationen) gilt das österreichische Urheberrecht. Jegliche kommerzielle Nutzung ist untersagt. Sofern nicht anders angegeben, liegen die Rechte an den Fotografien bei den Fotografinnen und Fotografen des Projekts. Diesen liegen entsprechende Rechtseinräumungen (Fotografiererlaubnisse) der Besitzer der Objekte zugrunde. Downloads sind nicht erlaubt, die Bilder sind mittels einer Downloadsperre geschützt. Für allfällige Verwendungen außerhalb der Datenbank (z. B. Abbildungen in wissenschaftlichen Publikationen) sind die Rechte bei allen Rechteinhabern einzuholen. 

 

ZITIERBARKEIT

Bilder und Texte aus der Datenbank sind den üblichen Regeln entsprechend zu zitieren. Die zu zitierenden Angaben werden automatisch für jeden Text und jedes Bild generiert. Sie finden sich unterhalb jedes Beitrags in folgender Form:

  • Texte: [Autor/in, Titel, in: Name des Projektleiters: Titel des Projekts, Besuchsdatum, - <URL>]

Beispiel: Marion Romberg, Birnau (Bodenseekreis), Mariae Himmelfahrt, in: Wolfgang Schmale (Projektleitung): Erdteilallegorien im Barockzeitalter, Wien, besucht 15.09.2015, <http://erdteilallegorien.univie.ac.at/erdteilallegorien/birnau-bodenseekreis-mariae-himmelfahrt>.
 

  • Fotografien: [Fotograf/in, Titel, in: Name des Projektleiters: Titel des Projekts, Besuchsdatum, - <URL>]

Beispiel: Marion Romberg, Birnau (Bodenseekreis), in: Wolfgang Schmale (Projektleitung): Erdteilallegorien im Barockzeitalter, Wien, besucht 15.09.2015, <http://erdteilallegorien.univie.ac.at/bilder/birnau-bodenseekreis-mariae-himmelfahrt/birnau-bodenseekreis-5>.
 

  • Abbildungen: [Eigentümer/Aufbewahrungsort, Signatur/Inventarnummer, (Autor), Titel, in: Name des Projektleiters: Titel des Projekts, Besuchsdatum, - <URL>]

Beispiel: Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1603, 335, Universitätsbibliothek Heidelberg, C 5456 A RES, in: Wolfgang Schmale (Projektleitung): Erdteilallegorien im Barockzeitalter, Wien, besucht 15.09.2015, <http://erdteilallegorien.univie.ac.at/bilder/iconologia-von-cesare-ripa/ripa-iconologia-1603-2>

 

Nicht ausdrücklich erlaubte und von keinem Tatbestand freier Werknutzung gemäß dem Urheberrecht, insbesondere nicht vom Zitatrecht umfasste Verwendungen von Inhalten der Datenbank sind nicht zulässig.

weiter

×